Adrian Klobucar: Jürg Fleischmann, Sie sind mit über 17'000 Flugstunden, wovon 10'000 allein auf Helikoptern, ein sehr erfahrener Pilot. Was hat Sie dazu inspiriert, fliegen zu lernen?
Jürg Fleischmann: Schon als kleines Kind habe ich nur mit Flugzeug- beziehungsweise Helikoptermodellen gespielt; und das, obwohl niemand in meiner Familie in der Luftfahrt aktiv war. Später bin ich genau das geworden, was ich immer sein wollte: Pilot. Nach einer ersten Zeit als Pilot auf der ehemaligen Rega-Station im Kinderspital Zürich wechselte ich als junger Co-Pilot zur damaligen Swissair und flog dort zunächst das Kurzstreckenflugzeug MD-80, später dann die MD-11 auf der Langstrecke. 1998 gab ich diese Anstellung zugunsten der Lions Air auf.
Für mich war schon immer klar, und ist es heute noch: Ich kann und will nichts anderes tun, als zu fliegen. Meine Leidenschaft manifestiert sich unter anderem in über 100 Flugzeug- und Helikopter-Lizenzen.

Eine überaus bemerkenswerte Anzahl Lizenzen. Die Frage drängt sich auf: Gibt es ein bestimmtes Modell, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Grundsätzlich fliege ich alle Maschinen sehr gerne. Einer meiner bevorzugten Helikopter ist jedoch die Bölkow Bo 105. Mit dieser Maschine waren wir überall auf der Welt unterwegs; unter anderem sind wir mit der Bo 105 durch den Grand Canyon geflogen. Ein weiteres, schönes Erlebnis war der Flug mit zwei Maschinen dieses Typs über dem australischen Perth: In der einen Maschine sass ich, in der anderen mein Sohn. Ein weiteres Muster, das ich sehr gerne fliege, ist der Super Puma. Ein Helikopter, den ich schon aus meiner Zeit bei der Schweizer Armee kenne. Auch bei Lions Air sind wir heute unter anderem mit Super Pumas unterwegs. Die Entscheidung zum Kauf dieser Maschinen ist aber selbstverständlich nicht aufgrund meiner persönlichen Präferenz, sondern in erster Linie deshalb erfolgt, weil sie gerade bei der Bekämpfung von Waldbränden sehr wertvolle Dienste leisten.

Das führt mich zur Anschlussfrage nach der Flotte und der Anzahl Mitarbeitenden der Lions Air. 
In unserem Unternehmen, das weltweit tätig ist, arbeiten derzeit über 300 Frauen und Männer. Die Flotte der Lions Air umfasst derzeit 16 Helikopter und 4 Flugzeuge. Darunter befinden sich zwei AW139, drei Bell 429, zwei Airbus H160, drei Super Pumas und fünf Airbus H135. Zwei weitere H135 sowie ein H130 sind bestellt und werden in Kürze geliefert. Bei den Flächenflugzeugen können wir auf eine Dassault Falcon 8X, eine Bombardier Global 7500 sowie eine Bombardier Challenger 604 zurückgreifen.
 

Ihre Leidenschaft für das Fliegen verbinden Sie mit dem Helfen anderer Menschen. Was motiviert Sie dazu?
Meine Eltern haben mir beigebracht, wie wichtig es ist, nicht nur für sich selbst zu schauen, sondern auch für andere Menschen da zu sein. Daher ist es für mich von grosser Bedeutung, wie es meinem Umfeld, meiner Familie, Freunden, Mitarbeitenden geht. Ich bin überzeugt: Wenn das alle gleichermassen täten, wäre die heutige Welt ein Stück friedlicher. Besonders befriedigend ist für mich die Tatsache, dass ich die Faszination der Fliegerei mit dem Helfen verbinden kann; sei es z.B. mit der AAA, die sich der Rettung von Menschenleben verschrieben hat, oder auch durch das Löschen von Bränden mit den Helikoptern der Lions Air überall auf der Welt, um nur zwei Beispiele zu nennen.
 

Eine Zwischenfrage: Sie sind ja Gründer und Geschäftsleiter der Lions Air. Was hat Sie zu dieser Namensgebung inspiriert?
Ich bin in Zürich aufgewachsen und habe immer in der Region Zürich gelebt. Das Wappentier der Stadt Zürich ist der Löwe. Selbstredend, dass meine Fluggesellschaft, durch meine Verbundenheit zur Stadt Zürich, Lions Air heissen muss. Bis heute reist der Löwe mit uns durch die ganze Welt.
 

Wir haben nun viel über die schönen Seiten der Luftfahrt gesprochen. Haben Sie auch schwierige Situationen in Ihrer Laufbahn erlebt?
Es gibt es immer wieder Erlebnisse die schwierig sind. Traurige Momente erleben wir etwa, wenn wir im Rahmen unserer Rettungsflugaktivitäten zu einem Einsatz ausrücken, sehr schnell vor Ort sind, dem Menschen aber trotzdem nicht mehr geholfen werden kann. Solche Situationen vergisst man nie mehr.
 

Die Lions Air hat einen starken Fokus auf die Ausbildung von Kindern und Erwachsenen in «Erster Hilfe» gelegt. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Projekt ins Leben zu rufen?
Wir hatten in der jüngeren Vergangenheit zusammen mit Lidl Schweiz eine Aktion gestartet: Kunden erhielten die Möglichkeit, Erste Hilfe-Kurse zu besuchen. Leider blieb das Interesse unter den Erwartungen. Aus verschiedenen Gründen: Wir haben festgestellt, dass Menschen zwar nach wie vor helfen wollen, wenn ihre Hilfe gefragt ist. Aber in der heutigen Zeit befürchten viele, in solchen Situationen gefilmt und dann an den Pranger gestellt zu werden, wenn sie vermeintlich etwas falsch machen. Ich möchte an dieser Stelle jedoch ausdrücklich betonen, dass das Schlimmste, was man bei Unfällen tun kann, ist untätig zu bleiben. Gleichzeitig haben wir realisiert, dass bei Kindern eine deutlich grössere Bereitschaft besteht, Erste Hilfe-Massnahmen zu erlernen. Wir haben daraufhin beschlossen, das Projekt anzupassen und die Initiative «Kinder lernen retten» gegründet, die am Tag der offenen Helikopter Basis offiziell lanciert wurde. Die Resonanz darauf ist sehr positiv. Die Kinder machen begeistert mit – und motivieren auf diesem Weg auch ihre Eltern. Wir werden mit unseren Kursen nun künftig auch vermehrt Schulen besuchen.

Abschliessend noch eine Frage zur Zukunft der Lions Air. Welche Pläne und Projekte stehen für die kommenden Jahre an?
Tatsächlich zeichnen sich Veränderungen ab. Ich bin 61 Jahre alt und befasse mich allmählich mit dem Gedanken, die Geschäfte in andere Hände zu legen. Sowohl meine beiden Töchter als auch mein Sohn, der ebenfalls erfahrener Pilot ist, arbeiten für die Lions Air. Sascha, mein Sohn, leitet bereits heute den Bereich der VIP-Flüge und wird dereinst die Gesamtleitung übernehmen. Ich selber werde darüber hinaus weiterhin diverse Projekte betreuen. Mit dem in den kommenden Jahren bevorstehenden Generationenwechsel ist die Kontinuität des Unternehmens auf die optimalste Art gewährleistet.

Über den Autor Adrian Klobucar
Der 17-jährige Schaffhauser Adrian Klobucar ist begeisterter Luftfahrtenthusiast. Und er schreibt leidenschaftlich gerne, ist davon beseelt, Journalist zu werden. Der Wunsch des Schülers einer Berufsvorbereitungsklasse, diese beiden Steckenpferde zu kombinieren, geht mit diesem Beitrag in Erfüllung.